So dachte ich gestern früh, einmal die Vorbereitungen für das Bundeswehr-Gelöbnis in Augenschein zu nehmen, und als ich gegen 12:00 Uhr von Alt-Moabit kam, da fand ich schon die Hauptverkehrswege abgesperrt.
Doch über das Fußgängerbrücklein kommt man noch durch, ja, ganze Touristenströme laufen noch in Richtung Reichstag. Ich geselle mich dazu.

Einen Spielfilm könnte man drehen hier -
Deutschland in der Ölkrise. Harhar.

Überall sieht man sie, die Polizeiwagen, grüne und blaue. Wir wissen ja, in wenigen Jahren soll die Polizei der Welt in Einheitsblau aufmarschieren.
In meinem Foto-Beuteschema ist aber nach wie vor das Froschgrün verankert. Die blauen Fahrzeuge übersehe ich fast.

Ohne Probleme spaziere ich zum Reichstag und beobachte friedlich die Aufbauten, während da noch eine Schlange Touristen für die Reichstagskuppel Einlass begehrt…

Ich sitze ein Weilchen auf der Mauer vorm Reichstag und beobachte die Aufbauten und das Säubern des Platzes. Ob das wohl 1-Euro-Jobber sind? Oder handverlesene Experten?
Jedenfalls darf offenbar kein Stäublein auf dem bedrohten Rasen (?) liegen bleiben.
Belausche ein wenig Passanten und Polizisten, wobei mir ein hübsches Wort zu Ohren kommt. Es sei alles abgesperrt, so sagt der Polizist ins Funkgerät, es gebe nur noch “abfließenden Verkehr”. Ah ja, der Pöbel darf gehen.

Gegen 14:00 Uhr wird die Kuppel geschlossen. Es leert sich, und weil es langweilig ist, mache ich mich auch auf den Weg, geselle mich zum “abfließenden Verkehr”.

Als ich es wage, die menschenleere Strasse überqueren zu wollen, werde ich schon zurückgepfiffen. Nein, da geht es nicht mehr lang! Nur noch eine Richtung!
Dummerweise genau die eine Richtung, die maximal falsch ist für meinen Heimweg. Super. Diskutieren hat keinen Sinn. Diese Uniformierten sind ja immer so lange scheißfreundlich, wie man ihnen gehorcht. Auch beherrschen sie wunderbar die Überzeugung durch stete Wiederholung.
Ich habe keine Lust auf Zank, ärgere mich aber und gehe den Umweg. Man führt uns durch die Dorotheenstrasse bis zur Wilhelmstrasse. Von dort geht’s dann wieder zum Brandenburger Tor. Hier ist alles voller Touristen, als wäre nichts. Oder doch?

Das Brandenburger Tor ist wieder mal zu.
Den Heimweg nehme ich dann durch den Tiergarten. Denn der ganze 17.Juni ist gesperrt. Selbst im Tiergarten ist leicht zu überwindendes weiß-rotes Band gespannt.

Beinahe auf der Höhe von Bellevue kann man endlich wieder auf die Strasse. Dort auch Absperrung. Ein Polizist erklärt Passanten, dass auch der Tiergartenbereich später ganz und gar abgesperrt wird.
Ich mache mich aus dem Staub. Das Gelöbnis selbst sehe ich mir dann lieber im TV an. Geht ja auch nicht anders.
Das Gelöbnis
Originaltext:
„Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“
Stört uns etwas daran? Das Wörtchen “tapfer” vielleicht? Ich meine, nicht, dass es fehl am Platz ist, ein Soldat sollte tapfer sein, nicht? Aber ist es nicht vielleicht überflüssig? Denn gehört das nicht per se zum Begriff des “Soldaten”? Das Wort “treu” ist fast genauso überflüssig, aber nicht ganz so. Denn es gehört nicht unbedingt zur den implizierten Eigenschaften eines Soldaten… (nur am Rande).
Auch ist hier sehr deutlich von „Verteidigung“ die Rede. Da wird noch drüber zu Reden sein, von wegen Hindukusch. Ich höre, wie die Balken sich biegen.

Hier die Fahne. DIE Fahne, Ihr wisst schon, die vom 3. Oktober. Schande aber auch, dass wir Deutschen ein so prosaisches Verhältnis dazu haben - Für mich nur ein farbiges Stück Stoff. In Amerika ist die (deren) Fahne heilig, was mir auch seltsam anmutete. Und die Nazis hatten die berüchtigte “Blutfahne”. Nein, so was will ich gar nicht mehr haben. Zum 3. Oktober 90 fehlt mir eh der Bezug, was für ein willkürliches Datum.

Und daneben die Europafahne. Ich frage mich da, wenn das Gelöbnis auf das Grundgesetz geleistet wird… welche Bedeutung hat dieses Grundgesetz eigentlich nach dem Vertrag von Lissabon? Werden künftige Rekruten in einer ja geplanten Gesamteuropäischen Armee ein Europäisches Gelöbnis ableisten? Worauf?
Das Grundgesetz wird eh bei jeder Gelegenheit geändert, wenn es unseren selbsternannten Eliten in den Kram passt – zuletzt bei der Sache mit den “Jobcentern” – flutsch! – eben mal so das Grundgesetz wieder geändert. Kann man das überhaupt noch ernst nehmen?
Auch das Konstrukt “Bundesrepublik” - Nicht, dass ich persönlich nicht schlecht darin gelebt habe. Aber, es ist und bleibt ein seltsames Konstrukt Nachkriegsdeutschland. Wo steht diese Bundesrepublik eigentlich völkerrechtlich? Ist Deutschland überhaupt ein souveräner Staat? Die Sache mit dem nicht vorhandenen Friedensvertrag mit den Alliierten nach dem 2. Weltkrieg gibt mir zu denken - das ist doch nicht einfach vergessen worden?
Ist, wie bei Wikipedia zu lesen, der 2+4-Vertrag, ein vollwertiger Ersatz?
Aber, egal, was für ein Konstrukt dieses Deutschland ist, was wird davon bleiben, falls dieses “Europa” so institutionalisiert wird wie bisher geplant? Vermutlich nur eine Ansammlung von Wirtschaftsstandorten? Also, sozusagen, geographische Regionen unter Konzerneinfluss?
Ich merke, ich habe doch etwas Gefühl für meine Nation.
Die Veranstaltung bleibt mir, dem aufgeklärten Kinde der 70er und 80er suspekt bis fragwürdig. Ist das Metaphysik? Religion? Eine Art “Heilige Wandlung”? Glauben? Oder was? Warum so feierlich? Was soll das ganze eigentlich?
Den jungen Burschen, die da hübsch uniformiert sicherlich einen “großen Tag” erleben, denen mag man nicht böse sein.
“Lasst Euch nicht missbrauchen”, so ähnlich äußerte sich Helmut Schmidt. Recht hat er.
Natürlich bekommen wir wieder die übliche Portion Selbstgerechtigkeit: “Parlamentsarmee”, so das entsprechende Neusprechwort. Denn wir sind so demokratisch und die Jungs leisten das Gelöbnis aufs Grundgesetz, nicht auf die Fahne.
Das stimmt alles, wobei diese Art Demokratie in Zeiten neoliberal-elitärer Unterwanderung dringend überprüft werden muss. Und solcherlei selbst-Beweihräucherung stößt mir übel auf. Könnte es sein, dass man vielleicht vor Bäumen den Wald nicht sieht? Oder die Motorsäge nicht hören will…?
Da wird die Gefahr von Rechts beschworen. Richtig. Aber welche Rolle spielen Parteien wie die NPD wirklich, die, wie man weiß, vom Verfassungsschutz bestens betreut ist?
Dienen Sie nicht dazu, dass wir einen braunen Popanz bekommen, vor dem wir uns erschrecken, während im Hintergrund im demokratischen Mäntelchen an einer “Neuen Weltordnung” gefeilt wird, über die sich nicht wir, sondern unsere Kinder und Enkel einmal sehr wundern werden: “Wie konntet Ihr DAS zulassen?”
Außerdem haben wir ja jetzt eine “freie Presse”, dies wird uns erklärt. Darüber könnte man sich auch weiter unterhalten. Freie Presse von Gnaden der Mohns und Springers…? Mit direktem Draht zu transatlantischen Geldgebern?
Wir wissen längst, die Zensur funktioniert heute anders als früher. Doch gerade im Internet ist sie in ihrer altmodischen, restriktiven Ausformung auf dem Vormarsch.
Es ist ein weites Feld. Ich fühle mich inzwischen wie in der Übergangsphase zu einer der bekannten negativen Utopien – wobei Leute wie ich selbst als Resultat der Bildungsoffensive der linken 70er gerade noch geduldet sind.
Unangenehm der Kommentator im TV. Die weitab im Bendlerblock ausgelagerten Proteste von “Gelöbnix” nennt er nur “die Störer” und betont, wie schön und feierlich doch dieser Moment hier sei, vor dem Reichstag. Und wie sehr da die “Störer” doch stören würden.
Nun, auch ich verspüre wenig Lust auf ebenfalls ritualisiertes Protestieren, vor allem, wenn es so weit weg ausgelagert ist und nur kurz in den Medien erscheint. Da kann man sich die Mühe wirklich sparen. Leute, nutzt andere Formen des Protests! Schreibt im Internet, vernetzt Euch, verbreitet die Nachrichten, klärt auf!
Und das mit dem Hindukusch, also das geht mir immer noch nicht in den Kopf? Wird da meine Freiheit verteidigt? Wie deckt sich dies mit dem Grundgesetz? Bin ich von Afghanistan aus attackiert worden? Da müsst Ihr mein Gehirn unbedingt noch weiterwaschen. Das habe ich noch nicht gefressen.
Oha… ach, so, jaja… Osama und die 19 Räuber, haben an 9/11 ja uns alle angegriffen… aus den afghanischen Höhlen… ladiladiladiladadada… und wenn sie nicht gestorben sind…
Wenigstens wurde auch eingestanden, dass die Bundeswehr keine Verteidigungsarmee mehr ist sondern in “Friedensmissionen” eingesetzt wird. Was auch immer alles darunter fällt. Wir wissen ja, Krieg bedeutet Frieden…
Bemerkenswert fand ich die Äußerung von Altkanzler und Bohemian-Grove-Fan Helmut Schmidt, dass wir Deutschen leider kein sehr friedfertiges Volk sind…
Das lässt Übles ahnen für die Zukunft.
Gesellschaftlichem Fortschritt wird eine Absage erteilt. Oswald Spengler hat doch recht. Es wiederholt sich alles. Weltreiche kommen und gehen. Kriege bleiben.
Und der 3. Weltenbrand ist in Vorbereitung.
Ich sehe die Rekruten mit ihrer Fahne und wie sie geloben und ich höre sie die Nationalhymne singen und muss unmittelbar an die gerade gewesene Fussball-EM denken. Fahneschwenken und Nationalhymne. Wir üben schon mal.
Ich fürchte vor uns liegt eine Phase verstärkter Militarisierung. Auslandseinsätze werden sich häufen, Zinksärge nach Hause kommen, verarmte und mit Absicht verdummte Bevölkerungsschichten ihr Heil im Dienst an der Waffe suchen. Wir werden mehr Militär in der Öffentlichkeit sehen und in den Medien. Die Bevölkerung wird das nicht mehr hinterfragen, sie wird es hinnehmen, weil es langsam geschieht. Salamitaktik hat sich immer bewährt. Außerdem sind die Leute immer mehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Da wird nicht mehr viel diskutiert werden. Hauptsache Arbeit, nicht? Vielleicht werden sie sogar Fähnchen schwenken und die Nationalhymne singen.
So macht man aus Bürgern Untertanen.
Und ich muss daran denken, wie wir genau hier 1995 saßen, als Christo und Jeanne Claude den Reichstag verhüllen durften… als hier die fliegenden Händler flogen und die jungen Leute mit Gitarren und Picknickkorb tagten…
Die Zeiten haben sich geändert. Und manchmal wünsche ich mir, 300 Jahre alt zu werden, um das alles besser zu überblicken und zu durchschauen. Die sogenannte “Schnelllebigkeit unserer Zeit” ist eine Illusion der Moden und Gadgets. Die Mühlsteine der Zeitgeschichte mahlen so langsam wie eh und je.
zum 20. Juli
Nach einer Stunde im TV ist alles vorbei. Und ich frage mich: Ist es das wert? Für eine Stunden fragwürdigen Ringelpietz vorm Reichstag einen ganzen Tag lang die halbe Stadt absperren? Oder ist es nur eine Show für die internationalen Medien? Zeigt man davon etwas in den USA zum Beispiel? Für Mr. Obama, der am Donnerstag vorbeischaut und mehr Deutsche in Afghanistan sehen will?
Und was soll die Verquickung des Gelöbnisses mit dem Hitler Attentat von 1944? Soll damit dem “kritischen Soldaten” gehuldigt werden? Der, der notfalls auch den Befehl verweigert? Und dazu per Gelöbnis aufs Grundgesetz das Recht zum Widerstand eingeräumt bekommt?
Hoffen wir, dass sie zu geeigneter Zeit daran denken!
Außerdem wäre es schön, wenn die Idioten, die in Afghanistan mit Totenschädeln Fussball spielen und ähnlichen Freizeitbeschäftigungen frönen, sich im Moment finsterer Versuchung des Gelöbnisses erinnerten und innehalten würden? Ja, dann hätte es wirklich einen Sinn! (wobei wir vermuten, dass in Afghanistan keine Wehrpflichtigen sind, sondern Berufssoldaten, die kein Gelöbnis sondern einen Eid geleistet haben, dessen Wortlaut aber sehr ähnlich ist.)
Liegt hier vielleicht wirklich das Erbe des 20.Juli 44? Was immer man von diesem ja durchaus elitären Widerstand hält und wie auch immer man ihn historisch einordnet - Tatsache ist, dass da Individuen ihr Gewissen befragt und sich dann gegen die Regeln gestellt haben, auch wenn Sie dafür einen hohen Preis zahlen mussten - bis hin zu einem potentiellen Selbstmordattentäter (oops!) wie Freiherr von Gersdorff (Wobei man jetzt eine generelle Diskussion über allgemeingültige Definitionen von Tyrannenmord, Freiheitskampf, Krieg und Terrorismus anstellen könnte).
Gleiches gilt natürlich auch für die Geschwister Scholl oder Georg Elser.
Dies ist die Lehre, die ich daraus ziehe: Egal, wo man tätig ist, ob im Frieden oder im Krieg, ob beim Militär oder im Büro, in der Fabrik oder in der Unternehmensberatung oder an der Börse – passt auf, dass Ihr immer dem Blicke Eures Spiegelbildes standhalten könnt.
Stellt Euch gegen die Regeln, wenn Euer Gewissen das befielt (so Ihr noch eines habt) - auch, wenn es Euch Geld, die Karriere, Ansehen, Status, das Leben kosten kann. Vielleicht ist es nicht immer möglich, vielleicht ist der Einsatz es nicht immer wert, vielleicht ist man auch nur zu schwach. Aber man muss wenigstens darum ringen.
Es gibt zu viele Kleingeister, Opportunisten, Karrieristen, Elitisten und verkappte Despoten unter uns, die nur darauf warten aus den Löchern zu kriechen und Bevölkerungsgruppen auszusondern und zu diffamieren, sobald diese zum Abschuss freigegeben sind. Und mit letzterem sind wir leider viel zu gut.
In diesem Sinne…

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- - - - - - - ERGÄNZUNG, September 2008 - - - - - - - -
Kostenerstattung ist laut Bundesregierung nicht vorgesehen
Das erste Bundeswehrgelöbnis vor dem Reichstag am 20. Juli hat fast eine Million Euro gekostet. Das teilte die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion mit. Auf das Land Berlin Kosten entfallen in Höhe von 800 000 Euro für den Polizeieinsatz. Eine Kostenerstattung ist laut Bundesregierung nicht vorgesehen. Angesichts hoher Verschuldung und wachsender Armut sei dieser «unsinnig teure Soldatenaufmarsch» absolut ungerechtfertigt, sagte die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Ulla Jelpke….
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